INTERVIEW


"Essen macht nicht nur satt und glücklich, es kann auch wirken wie eine Medizin"


Aus den unterschiedlichsten Gründen entscheiden sich Menschen heute bewusst für ein bestimmtes Ernährungskonzept. Vegetarisch, Vegan, Low Carb High Fett, Paleo oder Primal – die Konzepte sind so zahlreich wie die zugrunde liegenden Motivationen und Thesen. Wir (Ruut) sprechen mit den beiden Bloggern Sabrina und René Bergmann von Hashimoto & Co. über das Autoimmunprotokoll (AIP), über ihre praktischen Erfahrungen in einem Familienleben ohne industriell verarbeitete Produkte und über die Vorzüge von Maniokmehl.


Ruut: Das Autoimmunprotokoll, kurz AIP, ist eine spezielle Form der Paleo-Ernährung. Was genau verbirgt sich dahinter?


RB: Der Begriff Autoimmunprotokoll klingt ja irgendwie nach Intensivmedizin. (Lacht) Dabei geht es eigentlich darum, zu einer sehr ursprünglichen, natürlichen
Ernährungsweise zurückzukehren und damit die eigene Gesundheit und
Leistungsfähigkeit zu stärken.

 

In großen Teilen deckt sich das AIP mit der Paleo-Ernährung: So verzichtet man etwa auf industriell verarbeitete Produkte, Fertiggerichte und sämtliche Lebensmittelzusatzstoffe. Darüber hinaus gibt es kein Getreide, keine Hülsenfrüchte, keine Milch und keinen raffinierten Zucker. Die Idee hinter Paleo ist die Annäherung unserer heutigen westlichen Ernährung an das Essverhalten unserer steinzeitlichen Vorfahren. Ausgehend von der These, dass sich unser Körper und speziell unser Verdauungssystem seit der Jungsteinzeit nicht wesentlich verändert haben, soll eine dauerhafte Ernährung nach dem Paleo-Konzept unseren Körper optimal mit Nährstoffen versorgen und fit machen oder halten.


SB: Die Ernährung nach dem Autoimmunprotokoll ist dagegen gar nicht für eine
dauerhafte Anwendung gedacht. Statt dessen geht es darum, Menschen zu helfen, deren Immunsystem aus den unterschiedlichsten Gründen aus der Bahn geraten ist und die infolge dessen Autoimmunerkrankungen ausgeprägt haben.

 

Das Ausbrechen dieser Erkrankungen und später auch deren jeweiliger Schweregrad werden wesentlich von Ernährungsfaktoren und dem Gesundheitszustand des Verdauungssystems beeinflusst.

 

Genau hier setzt das AIP an. Das Autoimmunprotokoll dient der Reduktion von Entzündungsprozessen im Körper, welche als eine Ursache für die Ausprägung von Autoimmunerkrankungen identifiziert wurden. Aufbauend auf den Thesen der Paleo-Ernährung wird die Ernährung im AIP noch weiter eingeschränkt, in diesem Fall aber nur für einen begrenzten Zeitraum. Im Gegensatz zur Paleo-Ernährung verzichtet man im AIP für mindestens 30 Tage auch auf Eier, Nüsse, Samen und Nachtschattengewächse. Auf diese Weise kann das Immunsystem zur Ruhe kommen. Man drückt quasi den Reset-Button.


RB: In der zweiten Phase des Autoimmunprotokolls führt man dann Nahrungsmittel für Nahrungsmittel nach einem festen Schema wieder ein. Das Immunsystem reagiert dann vergleichsweise heftig auf diejenigen Nahrungsmittel, die man nicht oder nicht gut verträgt. Genau um diese Information geht es im Autoimmunprotokoll. Geht man hier strukturiert an die Sache heran, weiß man schon nach kurzer Zeit, welche Nahrungsmittel man zukünftig meiden sollte.


Die Effekte sind zum Teil grandios. Mit der Umsetzung dieses strikten Protokolls konnten Patienten nachweislich und wissenschaftlich dokumentiert ihren Rollstuhl verlassen. Dr. Terry Wahls hat mit ihrer Krankengeschichte weltweit Aufsehen erregt. Insofern schließt sich hier ein wenig der Kreis mit dem Bild der Intensivmedizin. (Lacht)


Ruut: Auf eurer Webseite Hashimoto-Co.de bietet ihr sehr viele Informationen zum AIP und schreibt vor allem auch von euren unmittelbaren praktischen Erfahrungen. Wie seid ihr zum Autoimmunprotokoll gekommen und was treibt euch als Blogger an?

 

SB: Vom AIP haben wir erst durch einen Instagram-Post von Sarah Ballantyne erfahren, in dem sie ihr erstes Buch „Die Paleo-Therapie“ vorstellte. Als wir das Buch gelesen hatten, ergaben viele Puzzleteile unseres Lebens plötzlich ein Gesamtbild.

 

Ich habe selbst eine Autoimmunerkrankung namens Hashimoto-Thyreoiditis. Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen wurde ich auch schon sehr früh in meinem Leben richtig diagnostiziert. Leider habe ich dann aber über Jahrzehnte hinweg nur eine Monotherapie zum Ausgleich meiner Schilddrüsenfunktion erhalten.


Erst durch die Auseinandersetzung mit dem AIP habe ich erkannt, dass meine eigentliche Erkrankung über all die Jahre gar nicht behandelt wurde. Auch das ich mit zunehmendem Alter mit der Ausprägung weiterer Autoimmunerkrankungen rechnen muss, wenn ich nichts gegen die Ursachen unternehme, habe ich nur durch eigene Recherchen erfahren. Sämtliche behandelnde Ärzte waren da keine Hilfe, sei es aus Unkenntnis oder Ignoranz. In einem einzigen Moment wurden mir gleich mehrere Dinge bewußt, die mich veranlassten, so schnell wie möglich in das AIP zu gehen: Zum einen war das die Erkenntnis, dass ich ganz unabhängig von Ärzten und nur durch vergleichsweise einfache Änderungen in meinem Lebensstil meine aktuelle Lebensqualität extrem verbessern kann. Zum anderen war es die Option, Schlimmeres für meine Zukunft zu verhindern und die Hoffnung, im Idealfall in eine vollständige Remission zu gelangen.


RB: Bei unseren Recherchen wurde uns schnell klar, dass im deutschsprachigen Raum ein immenser Informationsstau und Aufklärungsbedarf zum Thema
Autoimmunerkrankungen herrscht. Dabei nimmt die Zahl der Erkrankungen an Diabetes Typ I, Hashimoto Thyreoiditis, Rheumatoide Arthritis, Schuppenflechte oder auch Multipler Sklerose in Deutschland wie auch global stetig zu. Nahezu alle unsere Informationen stammten aus amerikanischen Quellen – deutsche Seiten Fehlanzeige. Daran wollten wir in jedem Fall etwas ändern. So haben wir also zeitgleich mit dem eigenen Start des AIPs auch eine Webseite aufgebaut, auf der wir informieren und vor allem praktische Erfahrungen teilen möchten. Wir hoffen, auf diese Art vielen Menschen im deutschsprachigen Raum Inspiration und Mut geben zu können. Wir sehen vor allem ein großes Problem: Die meisten von uns haben nie gelernt, sich aktiv und eigenverantwortlich um ihre Gesundheit zu kümmern. Der Gang zum Arzt kostet in der Regel nichts und man verlässt sich nur allzu gern auf Medikamente. Das Ärzte aber kaum noch Zeit für ihre Patienten haben und auch nicht notwendiger Weise an der Ursachenbekämpfung von Beschwerden interessiert sind, wird dabei schnell übersehen.


Symptommedizin ist vielleicht gut bei gelegentlichen Kopfschmerzen, dem
Autoimmunerkrankten hilft es aber nicht weiter. Die Menschen dazu zu bewegen, ihre Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen, Eigenverantwortung zu übernehmen und bewußte Entscheidungen für ihren Lebensstil zu treffen, dass ist, was uns als Blogger antreibt.


Ruut: Wie sind eure persönlichen Erfahrungen bisher? Kann man eine Ernährung nach dem AIP tatsächlich über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten? Ist das nicht unglaublich einschränkend?


RB: Wir sind ja schon von Berufswegen eine sehr sportliche Familie und haben uns
darum unser Leben lang mit dem Thema gesunder Ernährung beschäftigt. Dabei sind wir natürlich auch in so manche Falle getappt. Fettreduzierte Lebensmittel und der hauptsächliche Konsum von Kohlenhydraten sind gute Beispiele dafür.
Als wir vom AIP erfahren haben, hatten wir aber schon viele Ansätze der Paleo-Ernährung auf ganz natürliche Weise in unser Leben integriert.

 

Neben der generellen Reduktion der Kohlenhydrate hatten wir beispielsweise schon den Konsum von Getreide und Milch eingestellt, viel Gemüse auf dem Teller und kaum industrielle Produkte im Haushalt. So kam uns dann die Ernährungsumstellung für Sabrina gar nicht mehr so radikal vor. Gleichzeitig haben wir uns intensiv bemüht, ein familientaugliches Ernährungskonzept zu finden.

 

Dieses Konzept musste jedem Familienmitglied gerecht werden und in den Grundelementen deckungsgleich sein, so dass wir auch noch ein Leben außerhalb der Küche führen können. Die gemeinsame Basis fanden wir in der Paleo-Ernährung. Sie ist für die Entwicklung unseres Kindes genauso ideal wie für die tägliche körperliche Belastung für mich als Personal Trainer. Ausgehend von der Paleo-Basis musste Sabrina sich für das AIP in der Auswahl der Lebensmittel natürlich stärker einschränken. Den Ernährungsstil von unserer Tochter und mir könnte man am ehesten als Primal bezeichnen. Weil wir als Familie konsequent und aus Überzeugung einem gemeinsamem Ernährungsstil folgen, kommen wir nicht in Konflikte.


Beispielsweise haben wir unserer Tochter ohne Druck und kindgerecht erklärt, warum wir bestimmte Produkte nicht verwenden. Damit waren wir scheinbar sehr erfolgreich, denn natürlich nimmt sie in der Schule wahr, dass die meisten Kinder sich anders ernähren. Doch statt sich darüber zu beschweren, spricht sie beim gemeinsamen Abendessen viel über die Essgewohnheiten ihrer Klassenkameraden oder auch über die Qualität des Schulessens. Offenbar vermisst sie Toast mit Schokocreme nicht. Es macht sehr viel Spaß zu beobachten, mit welcher Leidenschaft sie bereits in so jungen Jahren für „echte Lebensmittel“ wirbt.


Für uns war immer wichtig, dass unsere Mahlzeiten auch wirklich schmecken. Was unsere Tochter nicht mag, muss auch sie nicht essen. So haben wir keinen Zwang ausüben müssen. Obwohl das Thema Ernährung in unserer Familie allgegenwärtig ist, haben wir keine Religion daraus gemacht. Vielmehr sind wir alle stets bemüht, jede Mahlzeit zu einem leckeren Highlight werden zu lassen. Essen ist bei uns also kein notwendiges Übel oder nur Mittel zum Zweck, sondern macht vor allem sehr viel Spaß.

 

Ruut: Backen ist unsere besondere Leidenschaft. Auch ihr verbringt viel Zeit in der Küche. Wie sieht das Kochen und Backen bei euch aus, so ganz ohne klassische Mehle, Eier und Butter?

 

SB: In meiner Wahrnehmung sind die Unterschiede gar nicht so groß. Mittlerweile können wir ja auch in Deutschland eine recht große Auswahl alternativer Zutaten kaufen. So verwenden wir beim Backen beispielsweise Mehl aus Erdmandel, Kokos, Kochbanane, Tapioka und Dank Ruut auch Maniokmehl. Hilfreich ist sicher, dass wir sehr experimentierfreudig sind und uns nicht allzu viel aus deutscher Hausmannskost oder Torten machen. Oft wird viel Energie darauf verwandt, tradierte Produkte mit alternativen Zutaten nachzubauen. Das klappt zum Teil ganz gut. Wir sind persönlich in diesem Punkt aber relativ leidenschaftslos. Lieber suchen wir in solchen Fällen nach Alternativen, die wir einfach umsetzen können, statt an einem definierten Produkt zu klammern. Da steckt ja auch viel Potential für Frustration. Beim Kochen verwenden wir sehr großzügig Kokos- und Olivenöl statt Butter. Auch Avocadoöl kommt gelegentlich zum Einsatz.

 

Da Fett ein hervorragender Geschmacksträger ist, sparen wir damit nicht.

Eier kann man beim Backen sehr gut mit Gelatine ersetzen.


RB: Persönlich habe ich den Eindruck, dass mit der Rückbesinnung auf „echte“
Nahrungsmittel auch das Maß der Weiterverarbeitung in der eigenen Küche sinkt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass sich die Geschmackswahrnehmung im AIP sehr schnell verbessert. Der Eigengeschmack der jeweiligen Zutaten tritt wieder stärker hervor. Damit sinkt das Bedürfnis, alles noch einmal in eine geschmacksintensive Matrix packen zu wollen.


Wenn wir beispielsweise Gemüse wie Rote Bete, Pilze, Zucchini oder Süßkartoffel einfach nur auf den Grill legen, dann brauchen wir anschließend dazu nicht mehr als Olivenöl, Salz oder Kräuter. Allenfalls kommt noch eine Guacamole dazu.

Das schmeckt hervorragend, sättigt sehr gut und bereitet nahezu keinen Aufwand. Ähnlich einfach kann man das natürlich auch in einer Pfanne gestalten.

 

Auch mit einem Steak oder einer Bulette hat man nicht viel Aufwand. Man könnte sagen: einfache Zutaten – einfache Zubereitung. Jede Form von langfristiger Verar-beitung und langem Erhitzen vermindert schließlich nur den Gehalt an wertvollen Nährstoffen. Viel Aufwand betreiben wir eigentlich nur noch, wenn es Feste zu feiern gibt. Wenn wir Gäste haben, dann sind alle immer sehr neugierig darauf, was es bei uns zu essen gibt. Wir haben viel Spaß daran, unsere Gäste dann auch mal mit einer Torte zu überraschen, die vollkommen AIP-konform ist.


Ruut: Welche Bedeutung hat Maniokmehl für euch und wie sind eure Erfahrungen damit?


RB: Wir stellen immer wieder fest, das der Verzicht auf Brot für viele unvorstellbar ist. Brot begleitet uns von frühester Kindheit an, ist an jeder Ecke zu haben und extrem praktisch in der Handhabung. Glücklicherweise kann man aber auch ohne Getreide und Eier schmackhafte Brote backen. Zu Beginn des AIPs haben auch wir das Backen von Brot regelrecht zelebriert. Unter relativ großem Aufwand haben wir zunächst mit frischen Kochbananen sehr leckere Brote gebacken. Wir haben dann weiter experimentiert mit fertigem Kochbananenmehl, Kokosmehl, Erdmandel, Tapioka und den unterschiedlichsten Mischungen daraus.


SB: Als wir zum ersten Mal Brötchen mit Maniokmehl gebacken hatten, waren wir dann aber doch total überrascht. Von der Verarbeitung, über den Duft, die Konsistenz und den Geschmack erinnerte uns alles extrem an „richtige“ Brötchen aus Getreide. Die ganze Küche hat geduftet. Das genießen wir jedesmal sehr, was aber nicht dazu führt, das wir in alte Muster zurückfallen. Eine klassische Brotmahl-zeit ist für uns eher eine Ausnahme. Nach der tollen Erfahrung mit den Brötchen waren wir natürlich neugierig. Auch beim Backen von Kuchen haben wir dann sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Verarbeitung des fertigen Maniokmehls ist sehr angenehm. Geschmacklich verhält es sich im Vergleich zu Kokosmehl und ähn-lichem eher sehr neutral, was wir sehr gut finden, um klassische Rezepte nachzubauen.


Ruut: Kürzlich ist ein Buch von euch erschienen – „Das Autoimmunprotokoll Praxishandbuch“. Worum geht es dabei?


SB: Der erste Band des Autoimmunprotokoll Praxishandbuchs beantwortet in 10 Kapiteln alle grundlegenden Fragen zur Vorbereitung auf das AIP. Noch muss jeder das AIP weitgehend für sich allein durchlaufen, ohne ärztliche Beratung oder praktische Begleitung. Es gibt nahezu keine entsprechenden Angebote dafür.


Wir sehen schon in der wichtigen Phase der Vorbereitung viele Stolpersteine für die
Anwender. Mit unserem Ratgeber möchten wir verhindern, dass Anwender gar nicht erst mit dem AIP starten oder ohne Ergebnisse daraus hervorgehen.

 

Unser Meinung nach hat das Autoimmunprotokoll ein immens großes Potential, das Leben von Millionen Menschen weltweit wieder bunt und schön zu machen.

Aber es bleibt ein medizinisches Protokoll mit einem klaren Handlungsrahmen.


RB: Unser Buch ist wie ein guter Freund, der einem im AIP mit Rat und Tat zur Seite steht.


Danke Alan, dass wir bei dir zu Gast sein durften.





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